Annette Brink

Spiritualität in der Traumatherapie mit EMDR (2006)

1. Allgemeine spirituelle Aspekte der Traumatherapie
2. Spirituelles Erleben im Trauma
3. Spirituelle EMDR-Therapie
4. Literaturverzeichnis

1. Allgemeine spirituelle Aspekte der Traumatherapie

Viktor Frankl entwickelte Ideen zu Psychotherapie und psychischer Gesundheit am schrecklichsten Ort, den die Welt je sah: in einem Konzentrationslager der NS-Zeit. Seine Schriften lesen sich gleichwohl alles andere als schrecklich, todesnah oder morbide. Vielmehr geht es um tiefe existentielle Fragen, die Frankl stellt und für sich selbst voll Glauben, Mitmenschlichkeit und spiritueller Einsicht beantwortet.

Ist es ein Zufall, dass gerade ein Holocaust-Überlebender der Begründer der Logotherapie ist, die die "Frage nach dem Sinn" (Frankl, 1985) zum obersten Gebot des "Sinn-voll heilen" (1984) in der psychologischen Behandlung erhebt?

Ich denke nicht. Die Auseinandersetzung mit dem Trauma - dem eigenen wie dem anderer - wirft vielmehr ganz von selbst existentielle und spirituelle Fragen auf. Therapeuten wie Patienten haben sich diesen zu stellen. Ich denke, von der Güte der Antwort auf die Frage nach dem Sinn des schicksalhaften Leidens hängt die zukünftige Lebensqualität eines Traumatisierten ab.

Unsere therapeutische Aufgabe muss daher sein, gemeinsam mit dem Patienten eben diese Fragen zu stellen und ihn auf der Suche nach einer befriedigenden Antwort zu begleiten. Dabei nützt es nichts, sich große Worte, wie sie in der Politik so leicht über die Lippen gehen, anzueignen, etwa von "innerem Frieden", von "Schuld und Sühne" bzw. von "Unschuld" oder gar von "Vergebung" zu sprechen. Es zählt nur das, was fühlbar wird, was als innere Erfahrung aufsteigt, was als "Eingebung", "Erleuchtung", "Gedankenblitz" oder "innere Weisheit" aus dem Patienten selbst heraus entwickelt wird.

In der modernen Psychotherapieforschung werden diese therapeutischen Momente als Therapieeinheiten mit besonders hoher Kongruenz (Grawe, 2005) beschrieben und damit als anzustrebende Therapiegestaltung: "Je intensiver solche Erfahrungen der Kongruenz sind, desto mehr wird sich sein [des Patienten] Inkongruenzniveau verringern mit all den weit reichenden positiven Folgen, die sich aus den [...] Korrelationen zwischen Verringerungen der Inkongruenz und klinischen Verbesserungen ergeben" (Grawe, 2005).

Hellinger (2003), verlangt als Abschluss seiner Familienaufstellungen stets das Erweisen von Respekt, ja Versöhnung und Vergebung - auch Eltern gegenüber, die ihr Kind misshandelt, ignoriert, missbraucht oder weggegeben haben.

Aus traumatheoretischer Sicht birgt dieses Vorgehen das Risiko einer erneuten Traumatisierung. Ganz anders, wenn derselbe Patient ganz von allein, aus seinem eigenen Prozess heraus, zu einer Haltung der Vergebung finden kann: dann ist es mehr als eine Genesung, ein wirkliches Ganz und Heil werden, ein großer Schritt zu einem spirituellen Bewusstsein.

Wie wir noch sehen werden, wird dieser Schritt durch EMDR häufig gefördert. Er lässt sich nicht erzwingen, aber ich durfte mehrfach Zeuge werden, wie er ganz von allein geschieht.

Zunächst aber kehren wir zu der Feststellung zurück, dass die Auseinandersetzung mit den spirituellen Seiten des Seins ihren festen Platz in der Traumatherapie hat.

Die Frage nach dem Sinn

Menschen können Belastungen ausgesetzt sein, die ihre Leidensfähigkeit übersteigen und zu massiven Folgeproblemen führen. Wenn man sich für die Auslöser des Leidens Traumatisierter interessiert, dann "wird man unausweichlich mit Themen der Unmenschlichkeit zwischen Menschen, Lieblosigkeit und Gefühllosigkeit, mangelnder Verantwortlichkeit, Manipulation und fehlender Hilfeleistung konfrontiert. Kurz gesagt konfrontiert einen die Untersuchung des Traumas mit den besten und den schlechtesten Seiten der menschlichen Natur, und es kann gar nicht ausbleiben, dass sie bei den Beteiligten eine beträchtliche Bandbreite an intensiven persönlichen Reaktionen hervorruft" (Van der Kolk und McFarlane, 2000, S. 30) - und zur Sinnfrage führt.

Aber auch Traumata, die auf menschliches Versagen im Zusammenspiel von Mensch und Technik zurückgehen, werfen derartige Fragen auf. "Warum habe gerade ich überlebt?" ist für vereinzelte Überlebende von Unglücken jeder Art häufig die schwierigste und Heilung blockierende Frage. Und die Gesellschaft muss sich fragen, ob ihr Streben nach schnellem Geld, schnellem Transport an noch so entlegene Orte der Welt die eigentliche Ursache für die technische Katastrophe sind; alles Fragen, die im Licht der Katastrophe unsere technischen Errungenschaften als Varianten des Turmbaus zu Babel erscheinen lassen, der nun mal nicht ungestraft bleiben kann.

Naturkatastrophen wurden ebenso von jeher der Sinnfrage unterworfen, wurden als ein Aufbäumen der Erde oder als Zorn Gottes interpretiert, der die jeweiligen Werte der Gemeinschaft infrage stellten. Heute sind diese Fragen meist individualisiert. Die moderne Gesellschaft lässt sich nicht mehr in ihren kollektiven, an Wissenschaft und Wirtschaft orientierten, Glaubenssätzen erschüttern. Sicherlich mindert dies jedoch die Chance, das Schicksal zur gesellschaftlichen Umkehr zu nutzen.

In der Traumatherapie ist es die Aufgabe des Therapeuten, sich gemeinsam mit dem Patienten der Sinnfrage zu stellen und dies eben nicht nur individuell, sondern auch im kulturellen Kontext, wie interkulturell arbeitende Therapeuten immer wieder betonen (z.B. Beristain, Valdoseda und Paez, 1999).

Die Sinnfrage als Burn-Out-Prävention

Neben der Notwendigkeit, für und mit dem Patienten seine Sinnfrage zu stellen, ist dies auch in hohem Maße für den Therapeuten selbst von Relevanz. Traumatherapeuten sind in besonders hohem Maße von Burn-Out-Phänomenen betroffen. Die Konfrontation mit tiefstem menschlichem Leid, das Zeuge-Werden von wieder aufscheinenden Erinnerungen, die zuvor ob ihrer Schwere mit Amnesie belegt waren, die eigene Hilflosigkeit angesichts der Brutalität der traumatischen Ereignisse bzw. ihrer Täter wiegen schwer und lassen auch den Helfer seine Grenzen der Belastbarkeit spüren.

Zudem sind Traumaopfer, die multipel und/oder bereits in früher Kindheit geschädigt wurden, in ihrer Kontaktfähigkeit stark beeinträchtigt und gelten aufgrund ihrer womöglich misstrauischen, abhängigen, idealisierenden oder abwertenden sowie häufig sexualisierten Beziehungsaufnahme als besonders schwierige Patienten.

Ich denke, dass vor jeder "Burn-Out-Prophylaxe", natürlich in Begleitung mit Supervision und geeigneter Fortbildung, die entscheidende Frage steht, ob der Therapeut die innere Bereitschaft hat, sich diesem existentiellen Themenbereich zu widmen und einen eigenen Sinn in genau dieser Arbeit zu sehen. Auch der Therapeut sollte sich also durchaus fragen: "Warum gerade ich? Warum bin ich der therapeutische Zeuge? Worin liegt mein persönlicher Sinn in dem Schicksal, mich gerade diesen Lebensgeschichten zu widmen und zu öffnen?"

Hierbei kann eine EMDR-gestützte Auseinandersetzung mit den Patientenschicksalen nicht nur die Supervision sinnvoll ergänzen, sondern zur eigenen Sinnfindung im Leben entscheidend beitragen.

Zudem ermöglicht die EMDR-Therapie mit den Patienten bereits häufig einen Burn-Out-Schutz, zum einen durch den allgemeinen Zuwachs an Kompetenzerleben, die Möglichkeit, sich auf eine "Technik" zurückzuziehen (im Sinne einer geeigneten Selbstdistanzierung) und das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Patienten im Prozess.

Häufig - und ich erlebe es als deutlich häufiger als in anderen Therapiekontexten - werden wir zudem Zeuge von beglückenden und spirituellen Momenten. Laurel Parnell (1999) berichtet hierzu aus ihrer Praxis: "Am Ende einer EMDR-Sitzung fühle ich mich weder aufgebracht und verstört noch völlig vom unvorstellbaren Schrecken von Mißbrauchserlebnissen, tragischen Unfällen und Verlusten sowie von Gewalterlebnissen überrollt, sondern inspiriert."

2. Spirituelles Erleben im Trauma

Ein ganz anderer Aspekt der Nähe von Trauma und Spiritualität ist das mögliche spirituelle Erleben im Trauma selbst. Perren-Klingler berichtet von einem gefolterten Mann, der berichtete, wie er aus seinem Körper herausschwebte und ihn von "oben und aussen" mit all seiner Folter ansah; er habe ein "bis dahin unbekanntes Triumphgefühl" gehabt (Perren-Klingler, 1999, S. 23). Viele Menschen, die als Kinder missbraucht wurden, berichten während einer EMDR-Sitzung, wie sie die Szene von aussen, z.B. von einem Fensterbrett aus sehen. Sie lernen, diese Fähigkeit zur Dissoziation i.S. einer "out-of-body-experience" als überlebenswichtige Schutzfunktion zu begreifen.

Häufig geht das Erleben sogar noch weiter: So berichtete mir Frau R., die als Kind massiv sexuell missbraucht wurde, dass sie sich als Jugendliche immer überlegen gefühlt habe, da sie tief wusste, dass sie und der Körper nicht eins sind. Sie brauchte daher die Sorgen anderer Mädchen um ihr Aussehen nicht zu teilen.

Frau T. beschrieb mir, wie sie in traumatischen Situationen gelernt hatte, sich in mehrere Personen aufzuspalten. So habe immer nur eine Person leiden müssen, eine weitere habe diese gleichzeitig getröstet und wieder andere seien aus der Situation ganz herausgetreten. Diese Fähigkeit zeigte sich auch im Therapiekontext. Zum Beispiel erstaunte mich Frau T. damit, dass sie wissen wollte, wie mein zweiter Behandlungsraum aussieht, sich aber nicht getraute, hineinzugehen. Nach einiger Zeit rief sie plötzlich entzückt: "Sie haben ja ein weißes kleines Trampolin hier oben stehen!", was stimmte. Eine Kind-Persönlichkeit hatte sich während unseres Gespräches offensichtlich umgeschaut.

Andere Patienten sehen im Moment der Todesgefahr ihr bisheriges Leben wie einen 2-Sekunden-Film an sich vorüberziehen. Sie erleben dabei eine tiefe Aussöhnung mit ihrem Schicksal, ein Verständnis für den Sinn ihres Lebens. So berichtete Herr K., ein Eishockey-Profi, dass er nach einem schweren Autounfall sein Leben im Zeitraffer vorbeiziehen sehen habe. Er habe eine tiefe Dankbarkeit für seinen Lebensweg empfunden und habe endlich seinen Konkurrenzkampf mit seinem älteren Bruder beilegen können.

Nadine (11 Jahre) hatte knapp einen beim großen Sturm im letzten Herbst auf sie gefallenen Baum überlebt. Während sie unter dem Gewicht lag, habe sie sich in vielen verschiedenen Gestalten gesehen, von denen sie gespürt habe, dass sei alles einmal sie gewesen. Irgendwie habe es ihr danach nichts mehr ausgemacht, sterben zu müssen.

Manche Patienten erleben Nahtoderlebnisse, wie sie Kübler-Ross (2001) bei Sterbenden berichtet: sie sehen ein wunderbares Licht, teilweise am Ende eines Tunnels, sie werden von verstorbenen Verwandten empfangen und getröstet. Frau G. sah ein herrliches Licht, während sie niedergeprügelt wurde, was sie zunächst befremdete. Herr N. erinnerte sich erst beim Reprozessieren mit EMDR an eine Vision, die er hatte, während ihn ein Überfalltäter mit der Waffe bedrohte: er sah für einen Moment engelhafte Gestalten, die ihm rieten, ruhig zu bleiben und ihm versicherten, dass er überleben werde.

Dissoziation kann also nicht nur als wirksame Strategie zum Überleben im Trauma, sondern darüber hinaus als sinnstiftend gesehen werden, bis hin zur Einsicht in tiefe spirituelle Zusammenhänge vom Leben und Sterben.

Nähern wir uns der Frage nach dem Zusammenhang von Trauma und Spiritualität von der anderen Seite, der der spirituellen Lehren und Schulen, so können wir in den verschiedensten Traditionen Hinweise auf Zusammenhänge erfahren. Bhagwan Shree Rajneesh, heute Osho (1985) weist beispielsweise explizit darauf hin, dass der Weg zur Erleuchtung immer dann gefunden werden kann, wenn der Geist für einen Moment stillsteht.

Im Moment einer Traumatisierung, z.B. eines Unfalls, ist dies häufig gegeben. "Es kann bei einem Autounfall passieren, die Welt steht plötzlich still, die Zeit hält an. Du kannst nichts begehren, weil es keinen Zeitraum für Begehren gibt. Dein Auto stürzt in den Abgrund hinunter, im Fallen vergisst du die Vergangenheit, du wünschst dir nichts für die Zukunft. Der Moment ist alles. In diesem Moment kann es geschehen" ... "In diesem Augenblick erhälst du vielleicht einen Vorgeschmack des Göttlichen, des "Draußen"" (Osho, 1985, S. 194f.).

Der Schlag mit dem Stock auf den Kopf des in tiefer Meditation versunkenen Zazen-Schülers gehört zur Tradition im Zazen. Hintergrund ist, die Lücke, im Zen die "Leere", den Moment ohne Wunsch und Gedanken zu erzeugen, da dieser das Potential zu tiefer Bewusstseinserweiterung berge (z.B. Van de Wetering, 1984).

3. Spirituelle EMDR-Therapie

Immer häufiger erlebte ich, dass sich gegen Ende der EMDR-Therapie eine spirituelle Ebene auftut. Heute dauern meine EMDR-Therapien deutlich länger als in der Anfangszeit und es geht mir nicht darum, im Wettbewerb um die "schnellste beschleunigte Therapiemethode" mitzutun, sondern gerade nach erfolgreicher Bearbeitung der Traumatisierung genügend Raum anzubieten, um spirituelle Erfahrungen zu ermöglichen.

Im zweiten - sehr empfehlenswerten - Buch von Laurel Parnell (2003) findet sich ebenfalls die Beobachtung wieder, dass gegen Ende der EMDR-Therapie häufig kreative und spirituelle Aspekte anklingen. Parnell unterteilt die EMDR-Therapie dabei in drei Phasen: die Anfangsphase mit dem Thema: Einschätzung, Vorbereitung und Ich-Stärkung, die mittlere Phase mit dem Thema: Prozessieren und Integrieren und die Schlussphase mit Kreativität, Spiritualität und Integration. In allen drei Phasen kommt die bifokale Stimulation zur Anwendung und wird durch klärende, stützende Gespräche flankiert.

Parnell nennt folgende Einsatzmöglichkeiten für EMDR in der uns interessierenden Schlussphase: "gegenwärtige Trigger zum Fokus nehmen, Entwicklungslücken schließen, Verarbeitung gegenwärtiger Ängste, die mit dem 'Hinausgehen in die Welt' zusammenhängen, Verankerung einer positiven 'Verhaltensschablone' für die Zukunft und der Rückblick auf die Therapie" (Kap. 7.2).

Alle genannten Anwendungsfelder dienen der Verstärkung und Stabilisierung des Therapieerfolgs und können dadurch indirekt dazu beitragen, kreative oder auch spirituelle Erfahrungen freizusetzen.

In meiner Praxis kommen weitere Anwendungsmöglichkeiten zum Einsatz, die direkt und gezielt auf spirituelles Erleben hinarbeiten. Ich möchte diese folgendermaßen benennen:

Arbeit mit spontanen Ressourcen unter EMDR-Stimulierung

Ein Beispiel für die Arbeit mit einer spontan gefundenen Ressource kann am besten verdeutlichen, wie aus einer guten Ressource eine tiefe spirituelle Einsicht erwachsen kann:

Frau P. kam zu mir wegen einer massiven Angst- und Panikstörung, die sie sehr abhängig von Ehemann, Nachbarn und Eltern gemacht hatte. Im Rahmen der EMDR-Behandlung wählte die Patientin zunächst eigene Panikszenen zur Bearbeitung aus, wie z.B. Ohnmacht in einer Fußgängerzone, Panikattacken im Auto usw. Nach erfolgreichem Reprozessieren kamen später vermehrt Szenen zum Einsatz, in denen sie hilflos mit zusehen musste, wie eines ihrer Kinder ohnmächtig wurde, stürzte und ähnliches. Schließlich bearbeitete sie die als traumatisch erinnerte Geburt ihrer älteren geistig behinderten Tochter. Diese kam als "blaues Baby" zur Welt und wurde sofort zu einer Notoperation fortgebracht. Während der EMDR-Arbeit erkannte Frau P., dass sie seither alles dafür tat, dass das Leben mit den Kindern "so perfekt wie möglich lief", um eine erneute Katastrophe zu vermeiden. Der kleinste Husten konnte bei ihr Todesahnungen hervorrufen!

In dieser Sitzung tauchte bei Frau P. erstmals das christlich geprägte Bild großer Hände auf, die ihre Familie tragen. Dieses Bild erlebte sie im EMDR-Prozess als vorübergehende Kraftquelle. Sie kannte dieses christlich geprägte Bild zwar, hatte aber zuvor keine emotionale Bindung hierzu. Nach ca. 10 Sitzungen mit EMDR war die Patientin nahezu beschwerdefrei. Sie konnte sämtliche Tätigkeiten wieder selbst ausführen und unerschrocken mit dem Auto durch Berlin fahren. Die körperlichen Symptome konnte sie als "Alarmzeichen" sehen und kürzer treten und geriet hierüber nicht mehr in Panik. Sie brauchte nun EMDR nicht mehr; zum Rückblick auf die EMDR-Therapie lud ich sie dennoch zu einer weiteren Doppelsitzung EMDR.

Ich bat sie, noch einmal alle EMDR-Sitzungen innerlich durchzugehen und auf kraftvolle Bilder, "AHA-Erlebnisse" und gute Gedanken zu fokussieren. Als erstes fielen ihr die haltenden Hände wieder ein. Ich bat sie, dieses Bild zum Ausgangsbild zu nehmen und im EMDR-Prozess kommen zu lassen, was kommt. Mit leuchtenden Augen schilderte die Patientin: "Ich werde ja getragen - ich brauche nicht alles zu kontrollieren - es ist gut so, wie es ist!"

Dann fiel ihr auf, dass sie von sich selbst zwar wusste, dass sie auch mit in der Hand saß, sich aber nicht in der Hand sehen konnte. Nach einigen Sets sah sie sich dann auch selbst in der Hand. Sie erlebte dies als tief beglückend, auf einmal wurde aus dem traditionellen Bild eine geradezu erleuchtende Erfahrung für die Patientin. Das Bild veränderte sich dabei, es erschien ein helles Licht über der Hand, sodass die Familie nun von unten und oben geborgen war. Zudem erwies sich die Hand als anpassungsfähig an jede Bewegung, die die Patientin und ihre Familie in ihr taten.

Seit dieser Sitzung begleitet die Patientin nicht nur die Vorstellung, sondern die tief innerlich gefühlte Realität einer haltenden Hand. Sie selbst erlebt dies als stärkste Bereicherung durch die Therapie. Zudem löste diese Sitzung weitere Sitzungen aus, in denen sich die Patientin erstmals mutig den Sinnfragen ihres Schicksals als Mutter einer Behinderten und der ungewissen Zukunft mit ihr stellen konnte.

Ich erlebte diese letzten Therapiesitzungen als ein großes Geschenk.

Arbeit mit Märchen und Heldengeschichten

Joan Lovett (2000) entwickelte für kleine Kinder ein wundervolles Verfahren, um eine EMDR-Arbeit für sie zu ermöglichen. Sie brachte Eltern bei, eine Geschichte oder ein Märchen über ihr traumatisiertes Kind zu schreiben. Dabei stellte sie Regeln vor, die aus dem Märchen eine heilsame Geschichte und die Grundlage für eine EMDR-Therapie werden lassen. Ich wandte dieses Verfahren mehrfach erfolgreich bei Kindern an. Erst eine Teilnehmerin einer meiner EMDR-Supervisionsgruppen brachte mich auf die Idee, das Geschichten-Erzählen auch bei Erwachsenen anzuwenden.

Die Arbeit mit Märchen- oder Heldengeschichten in der Schlussphase führt zu einer Zusammenfassung der bisherigen Arbeit. Es ist daher eine gute Methode, um den von Parnell favorisierten "Rückblick auf die Therapie"(s.o.) zu bewerkstelligen. Gleichzeitig eröffnet das Reprozessieren einer Geschichte über sich selbst häufig die spirituelle Dimension. Die Patienten erleben das Trauma nicht nur als etwas, das jedem zustoßen kann - und somit Schuldgefühle überflüssig macht, sondern als unentbehrlichen Teil ihres ganz individuellen Lebensweges. Sie sehen sich wie der Märchenheld Prüfungen ausgesetzt, die sie bösen Zaubermächten unterwarfen, aus denen sie aber gestärkt und reif für die Welt zurückkehren. Häufig entwickeln Patienten in diesem Zusammenhang spirituelle Bilder, Visionen oder auch übersinnliche Fertigkeiten, die sie fortan begleiten (zur Technik des Märchen- und Traumageschichten-Schreibens und -Erzählens s. Lovett, 2000).

So "sah" eine jugendliche Hochbegabte, die mit mir little-t-Traumata - also Belastungen, die nicht das Traumakriterium erfüllen, aber zu ähnlichen Folgestörungen führen können - bearbeitete, die ihr mobbende Klassenkameraden zugefügt hatten, plötzlich ihre Klasse als Energiestrom, in dem jeder Schüler ein spezifisches Energienetz aufweist und die Energie mit anderen Netzen vernetzt hat. Sie erkannte "Löcher" und offene "Andockstellen", Überlastungen von Netzen und harmonische Netze. Sie konnte sich diese Fähigkeit bewahren und kann nun mit äußerst tiefgehender Empathie auf ihre Mitmenschen eingehen. Sie "sieht" seelische Belastungen ebenso wie körperliche Erkrankungen.

In der Arbeit mit Jugendlichen hat sich zur Einführung einer Heldengeschichte die Anwendung von Trauma-Kartendecks bewährt. Die Kartenvorgaben erleichtern das Versinnbildlichen der eigenen Erfahrungen, das "Ausbreiten" der eigenen Geschichte vor sich auf dem Tisch scheint die emotionale Distanz noch einmal sinnvoll zu verstärken (z.B. "COPE" von Egetmeyer). Vielleicht ist die allgemeine Öffnung von Jugendlichen hin zu Sinn- und Identitätsfragen der Grund, warum gerade sie besonders häufig in der letzten EMDR-Therapiephase spirituelle Momente erleben und diese in der Folge oft zum Zentrum ihrer Lebensgestaltung werden lassen.

4. Literaturverzeichnis

Beristain, Carlos Martin, Valdoseda, Maite und Paez, Dario (1995): Umgehen mit Angst und Verlust auf kognitiver und kollektiver Ebene, in: Perren-Klingler (Hrsg.), s.u.

Bhagwan, Shree Rajneesh (1982): Meditation - Die Kunst, zu sich selbst zu finden. Heyne, München

Frankl, Viktor (1984): Sinn-voll heilen; Herder, Freiburg

Frankl, Viktor (1985): Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Piper, München Zürich

Grawe, Klaus (2005): Neuropsychologie. Hogrefe, Göttingen

Hellinger, Bert (2003): Der Friede beginnt in den Seelen. Carl-Auer, Heidelberg

Kübler-Ross (2001): Interviews mit Sterbenden; Droemer Knaur, München

Lovett, Joan (2000): Kleine Wunder. Junfermann, Paderborn

Osho (1995): Meditation- Die Kunst der Ekstase. Osho International Foundation, Zürich

Parnell, Laurel (1999): EMDR - der Weg aus dem Trauma. Junfermann, Paderborn

Parnell, Laurel (2003): EMDR-Therapie mit Erwachsenen. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart

Perren-Klingler (Hrsg.) (1995): Trauma - Vom Schrecken des Einzelnen zu den Ressourcen der Gruppe. Haupt, Bern

Reddemann, Luise (2002, 8. Aufl.): Imagination als heilsame Kraft. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart

Van der Kolk, Bessel, McFarlane, Alexander und Weisaeth, Lars (Hrsg) (2000): Traumatic Stress. Junfermann, Paderborn

Van de Wetering, Janwillem (1981): Der leere Spiegel. Rowohlt, Hamburg

Kartenset:
Egetmeyer, Moritz (2000), COPE. OH-Verlag, Kirchzarten

Internet-Plattform:

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