Dr. med. Katharina Drexler

Transgenerational weitergegebene Traumata und EMDR - eine Fallvignette (2005)

Unbewältigte Traumata können in gravierendem Ausmaß auf die Folgegeneration übertragen werden. Dies wissen wir spätestens seit den Untersuchungen an Kindern und Enkeln Holocaustüberlebender. Diese Übertragung auf die Kinder vollzieht sich durch Introjektion des traumatisierten Elternteils.

Für uns stellt sich die Frage, wie über ein oder gar zwei Generationen weitergegebene Traumata therapeutisch der Verarbeitung zugänglich gemacht werden können.

Anhand einer Fallvignette möchte ich eine Möglichkeit des therapeutischen Zuganges aufzeigen.

Luise Reddemanns Konzept der "inneren Bühne" ermöglicht, mit PatientInnen ein Verständnis von Introjekten als verinnerlichte, vom kindlichen Erleben geprägte Bilder wesentlicher Bezugspersonen zu erarbeiten. Ein solches Introjekt, beispielsweise des Vaters, können wir uns als einen Akteur unter vielen auf der inneren Bühne vorstellen. Ist nun dieser Akteur etwa durch ein unverarbeitetes Trauma stark beeinträchtigt, kann er negativen Einfluss auf das gesamte Bühnengeschehen nehmen. Oliver Schubbe verdanke ich die Anregung, das traumatisierte Introjekt im Rollenspiel zu einer EMDR-Sitzung einzuladen.

Gerade bei der Arbeit mit einem traumatisierten Introjekt, wie im folgenden Fallbeispiel, erscheint mir die Idee einleuchtend, das übertragene Trauma unmittelbar mit Hilfe von EMDR zu prozessieren, indem dieser Akteur für eine bestimmte Zeit eingeladen wird, die Hauptrolle zu übernehmen. Hierdurch kann eine Verarbeitung des Traumas vollzogen und somit eine Loslösung vom Introjekt eingeleitet werden.

Introjektarbeit mit EMDR

Um das Einfinden in die Rolle anzuregen, stehen unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung, je nach Vorbildung und Vorlieben der TherapeutIn sowie der PatientIn. Techniken, die ich anbiete, sind: Platz- und Stuhlwechsel, vor die Tür gehen und in der Rolle zurückkehren, sowie Imagination mit innerlicher Vertiefung in die Rolle.

Bedeutsam erscheint mir danach, dass auch ich als Therapeutin klar signalisiere, das ich mich einer neuen Person gegenüber sehe und diese entsprechend begrüße.

Das Prozessieren des Traumas erfolgt dann nach dem Standardprotokoll, wobei ich darauf achte, die PatientIn nicht zu früh aus der Rolle aussteigen zu lassen. Die Loslösung aus der Rolle erfolgt analog zum Einstieg in dieselbe. Ich verabschiede mich von dem Introjekt so ausdrücklich, wie ich es begrüßt habe. Ein Dank für die Kooperation gehört dazu.

Ein Beispiel: Frau G.

Frau G.s Probleme mit ihrer Mutter waren offensichtlich. Schon zu Beginn des Erstgesprächs erzählte mir die 35-jährige Patientin, ihre Mutter sei mit ihr schwanger geworden, wenige Wochen nachdem der 4 ½ Jahre alte Bruder an einem Gehirntumor gestorben war. Ihre Aufgabe als Kind sei es gewesen, die Eltern zum Lachen zu bringen. 21-jährig überlebte sie einen schweren Autounfall. Mit 23 Jahren wurde sie vergewaltigt. Die größte Belastung hierbei war für sie, dass die Mutter, statt sie zu trösten, völlig außer sich geraten sei und sie über zwei Jahre nicht mehr habe berühren können. 1992 starb die Mutter nach längerem Krebsleiden.

Als Therapieziele nannte Frau G., sie wolle ihren Platz im Leben finden, ein angemessenes Selbstwertgefühl sowie konstruktive Lebensziele entwickeln.

Nach sechs Sitzungen, die vorrangig dem Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, dem Erlernen stabilisierender Imaginationsübungen sowie dem zunächst theoretischen Vertrautwerden mit EMDR dienten, stellte sich Frau G. in einer ersten EMDR-Sitzung der Erinnerung an die ablehnende Haltung der Mutter nach der Vergewaltigung. Der SUD konnte von anfänglich 9 auf 0 zurückgehen, die VoC von zunächst 2-3 auf 7 ansteigen.

Im weiteren Therapieverlauf wurde deutlich, in welchem Ausmaß die Biographie der Patientin von der unverarbeiteten Trauer der Mutter über den Verlust ihres Sohnes geprägt war. Die Schuldgefühle der Mutter dem verstorbenen Kind gegenüber ließen sie die rasch folgende Schwangerschaft mit der Klientin wie einen Verrat an ihm erleben. Frau G. empfand die Niedergeschlagenheit der Mutter, deren mangelnde Fähigkeit, sich auf sie, als das neue Kind, einzustellen, als ihre Schuld und ihr Versagen. Ein Gefühl, keine eigene Lebensberechtigung zu haben, überschattete ihr gesamtes bisheriges Leben.

In einer zweiten EMDR-Sitzung begegnete sie einem überwältigenden Gefühl von Trauer und Fassungslosigkeit über den Tod des Bruders, ordnete dies aber selbst ein als eine eigentlich der Mutter zugehörige Empfindung.

Auf den Vorschlag, ihre verinnerlichte Mutter zu einer EMDR-Sitzung einzuladen, konnte die imaginativ ausgesprochen begabte Frau G. sich gut einlassen.

Das folgende Transskript setzt ein nach dem Einfinden in die Rolle und der Begrüßung durch die Therapeutin, sowie nach dem 1. Stimulierungsset.

Als Ausgangssituation schilderte Frau G. die 9 Wochen der Krankheit des Sohnes bis zu seinem Tod. Als Bild standen ihr die aufgerissenen fragenden Augen des Sohnes vor Augen. Die Negative Kognition beschrieb sie wie folgt: "Ich bin unfähig, auf mein Kind aufzupassen.", die Positive Kognition lautete: "Ich habe die Fähigkeit, ein Kind großzuziehen." Die (VoC) lag bei 1-2. Traurigkeit, Schuldgefühle, Scham und Verzweiflung waren die dominierenden Emotionen, der SUD betrug 10. Sie verspürte Druck im Kopf, Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich, Verkrampfung im Herz sowie "eine bleierne Schwere".

Frau G.: Ich habe das Gefühl, mich ziehen Tonnen nach unten... dann... so'n völliges Ohnmachtgefühl... und dann diese ganze Traurigkeit, so diese ganze Verzweiflung und nicht wissen, wie es weitergehen soll.
Therapeutin: Ja, bleiben Sie dabei!
(2. Stimulierungsset)
Frau G.: Jetzt hab ich fast richtig Kopfschmerzen, also 'nen unheimlichen Druck im Kopf. Dann war das so'n Gefühl völliger Zweifel an meiner Person, und das alles, was ich jemals für Werte hatte oder woran ich jemals geglaubt habe, ist nicht mehr da.
Therapeutin: Ja.
Frau G.: Ist einfach weg.
Therapeutin: Ja, o.k., gehen Sie da weiter!
(3. Stimulierungsset)
Frau G.: Das ist so'ne ganz große Todessehnsucht und das Gefühl, dass ich nicht weiß, wie ich ohne meinen Sohn weiterleben kann.
Therapeutin: Ja... Gut, gehen Sie da weiter!
(4. Stimulierungsset)
Frau G.: Es ist fast wie so'n Erdrücktwerden von dem, weitermachen zu müssen, aber nicht weitermachen zu wollen...
Therapeutin: Ja.
Frau G.: ...und so'n Gefühl von Kranksein, sich elend fühlen, und einfach gar nichts mehr wollen.
Therapeutin: Ja... bleiben Sie dabei!
(5. Stimulierungsset)
Frau G.: Das ist so dieses... 'ne ganz große Sehnsucht nach meinem Jungen und das Entsetzen darüber, ein weiteres Kind zu kriegen, weil... ich das Gefühl hab, ich darf mich darüber gar nicht freuen. Weil ich damit meinen Sohn verrate.
Therapeutin: Ja, bleiben Sie dabei!
(6. Stimulierungsset)
Frau G.: Irgendwie so dieses, so'n Gefühl, es ist nicht genug Raum für meine Trauer... ... weil ich jetzt schon wieder, weil ich jetzt machen muss, es jetzt gar keine Möglichkeit gibt, so zu... entrinnen, oder halt mich zu entscheiden, nicht weiter zu machen.
Therapeutin: Mhm... ja.
(7. Stimulierungsset)
Therapeutin: Was kommt jetzt?
Frau G.: Ähm, so'ne Scham, das ist, dass ich das Gefühl hab, andere könnten denken, wir hätten uns sofort Ersatz geschaffen.
Therapeutin: Ja... gehen Sie da weiter.
(8. Stimulierungsset)
Frau G.: Jetzt ist so dieses, dieses große Trauergefühl so langsam 'nen bisschen überlagert von dem Gefühl der zaghaften Freude, wieder schwanger zu sein und... auch wieder 'ne Aufgabe zu haben.
Therapeutin: Mhm... ja.
(9. Stimulierungsset)
Frau G.: Jetzt eigentlich nur noch die Konzentration auf das neue Lebewesen. Also es ist, ähm, es ist so, als wär dieser Trauerprozess gar nicht möglich... als wär einfach, ähm, die ganze Energie, nach der anfänglichen Verzweiflung, die ganze Energie jetzt darin konzentriert, und als wär für diese Trauer gar kein Raum mehr.
Therapeutin: Ja... Was hätten Sie damals gebraucht, um für die Trauer Raum zu haben neben der vorsichtigen Freude?
Therapeutin: Gab's jemanden, der sie einfach in den Arm genommen hat und Ihnen erlaubt hat, so traurig zu sein, wie Sie waren?
Frau G.: Nein,... war mehr so diese Aufmunterung: "Jetzt reiß dich zusammen! Du musst jetzt für dein neues Kind weiterleben!" Von Seiten meiner Mutter, von Seiten meines Mannes, von Freunden... Ich wüsste jetzt im Moment nicht, wer da gewesen wäre, wo ich... so traurig sein durfte, wie ich es war.
Therapeutin: Hätte das geholfen, wenn es so jemanden gegeben hätte?
Frau G.: Ja vielleicht insofern, dass es mir gezeigt hätte, dass es wirklich furchtbar ist, was mir passiert ist, und das mir dann auch das Gefühl gegeben hätte, mit meinen Gefühlen richtig zu sein.
Therapeutin: Ja... Können Sie sich in Gedanken vorstellen, dass es so jemanden vielleicht gegeben hätte?
Frau G.: (längeres Nachdenken) Ja, höchstens 'nen Engelswesen, aber sicherlich, also, wüsste ich jetzt nicht, 'nen menschliches, keine Ahnung.
Therapeutin: Ja, gut.
(10. Stimulierungsset)
Frau G.: War eigentlich so'n Gefühl wie 'n kleines Kind im Schoß der Mutter. So'n Trostgefühl und Geborgenheits- und Aufgefangenen-, so'n Wärmegefühl.
Therapeutin: Schön... Wie groß ist im Moment die Belastung von 0 bis 10?
Frau G.: (längeres Schweigen) Ich glaub, meine, also nicht die meiner Mutter, die Belastung ist so gut wie weg. Ich habe im Moment so das Gefühl, es spaltet sich. Also es ist jetzt das, was ich von meiner Mutter übernommen hab, hat sich verändert. Und sie ist... als, als wären wir da zwei getrennte Wege gegangen. Dass sie ihren Weg halt nicht weitergegangen ist, was diesen Trauerprozess anbetrifft, aber dass diese ganz starke Belastung so auf mich sich abgespalten hat.
Therapeutin: Aha, ja, dann würde ich Sie jetzt bitten, Frau G. juniora, sich noch mal kurz zu verabschieden, damit wir noch mal mit Ihrer Mutter hier weiterarbeiten können. Dass Sie sich vielleicht auch noch mal Zeit nehmen 'nen Moment, dass Sie wieder ankommen in der Rolle Ihrer Mutter.
(Rückkehr in die Rolle, Fokussieren auf Ausgangssituation)
(11. Stimulierungsset)
Frau G.: Da war so'n Gefühl der Selbstverachtung, aber es verändert sich auch schon wieder. Also, es ist irgendwie... wird weicher... nicht mehr so..., ja, einfach nicht mehr so gegen mich selbst. Es verändert sich.
(12. Stimulierungsset)
Frau G.: Es ist so'ne Erleichterung darüber, noch mal über ihn sprechen zu dürfen und einfach noch mal an ihn denken zu dürfen, weil es jahrelang so gar nicht möglich war.
Therapeutin: Gut,... ja....
Frau G.: und es aus dem heutigen Blickwinkel einfach zu sehen, dass es auch nicht gut war, das so lange mit mir rumzuschleppen und so lange zu verdrängen, immer wieder zu unterdrücken.
Therapeutin: Mhm, ja.
(13. Stimulierungsset)
Frau G.: So 'ne Traurigkeit darüber, was mir passiert ist, aber vor allem 'ne Traurigkeit darüber, dass ich das an meine Tochter weitergegeben habe. Und das tut mir sehr, sehr leid.
Therapeutin: Ja.
Frau G.: Es ist auch schlimm, dass ich da, dass ich dieses Unvermögen, die Trauer zu bearbeiten an, ja im Grunde ein unschuldiges Kind weitergegeben habe und ihr damit das Leben schwer gemacht habe.
Therapeutin: Ja, bleiben Sie da ruhig dabei!
(14. Stimulierungsset)
Frau G.: Eigentlich jetzt nur noch Erleichterung darüber, dass ich das auf die Weise, ähm, noch mal durchgemacht habe, und dass ich es so auch aussprechen konnte und jetzt weiß, was ich eigentlich mein Leben lang mit mir rumgeschleppt habe.
Therapeutin: Ja... Wie stark ist im Moment die Belastung von 0 bis 10?
Frau G.: Nur noch sehr gering, 1... 2... maximal.
Therapeutin: Gut. Gibt's noch was, was die Belastung daran hindert, noch weiter zurückzugehen?
Frau G.: Ich glaub das ist im Moment erst mal nur die Anspannung noch, ich glaub, dass sich das noch weiter verringern wird, aber das ist einfach so noch in diesem Druck, den ich das ganze Leben lang hatte. So dass der sich erst noch legen muss. Ich glaub, da ist nichts mehr.
Therapeutin: Wie ist das jetzt mit dem Satz: "Ich hab die Fähigkeit, ein Kind großzuziehen.", wie wahr ist der?
Frau G.: Ja, der ist wahr.
(Verankerungsset, Bodyscan)
Therapeutin: Wie sieht's aus? Ist es an der Zeit, sich jetzt zu verabschieden, oder fehlt noch was?
Frau G.: Ich glaub, für heute ist alles gesagt.
Therapeutin: Ich möchte mich noch mal ganz herzlich bei Ihnen bedanken, dass Sie gekommen sind, dass Sie sich im Dienste Ihrer Tochter dieser EMDR-Sitzung gestellt haben, und möchte mich von Ihnen verabschieden.
Frau G.: Ja, es war mir wichtig, das für meine Tochter zu tun.

Fazit

Mir ging es darum, das Trauma eines introjizierten Elternteils der Bearbeitung zugänglich zu machen. Wie das Beispiel Frau G.s zeigt, kann die Technik, das Introjekt im Rollenspiel zu einer EMDR-Sitzung einzuladen, eine hilfreiche und wirksame Methode zur Prozessierung eines übertragenen Traumas darstellenund so zu einer Differenzierung von eigenen versus Introjektanteilen beitragen. Bei Frau G. war das Trauma der Mutter eng mit der existentiellen Infragestellung ihrer selbst verknüpft. In den nachfolgenden Sitzungen wurde deutlich, dass die Belastung dauerhaft zurückgehen konnte und sich Frau G.s Selbstwertgefühl normalisierte.

Introjektarbeit mit EMDR

  1. Einfinden in die Rolle
  2. Begrüßung des personifizierten Introjektes durch die TherapeutIn
  3. Vorgehen nach EMDR-Standardprotokoll
  4. Dank an das personifizierte Introjekt und Verabschiedung desselben
  5. Loslösung aus der Rolle, Rückkehr zum Ich

Verfasserin:
Dr. med. Katharina Drexler
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Fachärztin für Psychosomatische Medizin
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