Oliver Schubbe und Nora Affolter

Brainspotting - eine vielversprechende Weiterentwicklung von EMDR (2010)

auch erschienen in: À jour! 44, Mai 2010, S. 24-27 und auf Französisch: Brainspotting - un développement ultérieur prometteur de l'EMDR, S. 61-64.

Zusammenfassung

Nach einer präzisen und wenig zeitaufwändigen, aber doch langfristig erfolgversprechenden Behandlungsmethode der Traumatherapie wird schon lange geforscht. Brainspotting eröffnet neue Möglichkeiten, indem es gezielt nach dem belastendsten Punkt sucht, diesen der Verarbeitung zugänglich macht und die belastenden impliziten Gedächtnisinhalte anhand von körperlichen Reaktionen behandelt.

Schlüsselbegriffe

Traumatherapie, Brainspotting, implizite belastende Gedächtnisinhalte, EMDR, bilaterale Augenbewegungen

Einleitung

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) hat sich bereits wissenschaftlich (u.a. Van Etten & Taylor, 1998; Power et al., 2002; Rudolf & Schulte, 2006) und in der psychotherapeutischen Praxis als angesehene und effiziente Traumatherapiemethode etabliert. Die beim EMDR eingesetzten Augenbewegungen, sensorischen oder auditiven Stimulierungen fördern die Kommunikation zwischen den Grosshirnhälften und damit eine Neutralisierung der zuvor so belastenden Erinnerung.

Nach wie vor uneinig sind sich die Experten, ob die bilateralen Stimulierungen für den Therapieerfolg nötig sind. "Es kommt darauf an, die Aufmerksamkeit auf etwas Zweites zu richten, während man das traumatische Ereignis durchlebt (...). Man könnte den Klienten ebenso gut dazu bringen, sich auf eine bestimmte Stelle an der Wand zu konzentrieren", meint Professor Andreas Maercker, Inhaber des Lehrstuhls für Psychotraumatologie an der Universität Zürich (in: Schneider, Achim G., 2009).

Brainspotting als Weiterentwicklung von EMDR verzichtet auf die bilateralen Augenbewegungen und reduziert das Protokoll auf essenzielle Schritte (Schubbe, 2006). Anders als beim EMDR, wo die belastende Erfahrung im Mittelpunkt steht, ist beim Brainspotting der sogenannte "Brainspot" selbst das Ziel, auf das die Aufmerksamkeit gezielt gelenkt wird. David Grand, PhD entdeckte diese vielversprechende Therapiemethode in der Behandlung von Traumata zufällig aus der Arbeit mit EMDR heraus.

Fallbeispiel

(aus der Praxis des Instituts für Traumatherapie Oliver Schubbe, Berlin; Name geändert)

Auf seinem Weg zur Arbeit musste Herr Weber jeden Tag morgens und abends durch einen Tunnel fahren, aber seit einem Jahr konnte er es "einfach nicht mehr", wie er sagte. Vor einem Jahr hatte er mitten in derselben Tunnelröhre eine Reifenpanne gehabt, nicht mehr. Seine Mutter war gerade verstorben, und er war von der Beerdigung nach Hause gefahren. Mitten in der Röhre platzte plötzlich der Reifen. Den Wagen konnte er schnell wieder einfangen und sogar noch in eine Haltebucht lenken, aber dann stieg Panik in ihm auf. Der Reifen war schnell gewechselt, den Wagen konnte er jedoch kaum noch lenken. Die Hände zitterten, und er fühlte sich klein und ohnmächtig.

Zum ersten Mal saß er in meinem Praxisraum. Ich hatte ihm Brainspotting vorgeschlagen, weil hier offenbar noch sehr heftige Gedächtnisinhalte unverarbeitet auf Körperebene gespeichert waren. Nachdem mir Herr Weber das Ereignis genau beschrieben hatte, fragte ich ihn: "Wie stark ist die Belastung bei diesem Ereignis heute, auf einer Skala von 0-10?" Er nannte einen Belastungsgrad von 8, und ich fragte weiter: "Wo fühlen Sie diese Belastung in Ihrem Körper?"

Dann führte ich seinen Blick mit einem Pointer in Zeitlupe vertikal von oben nach unten. Ich fragte ihn, welche Augenposition für ihn mit der höchsten Belastung verbunden war: "Oben, mehr in der Mitte oder unten?" Er wählte eine Blickrichtung auf Augenhöhe, und ich fragte weiter: "Wo fühlen Sie es am meisten, auf Ihrer linken Seite, in der Mitte oder auf der rechten Seite?" Während ich diese Frage stellte, bewegte ich meine Hand auf der waagerechten Ebene in Zeitlupe in der Horizontalen.

Der Punkt der höchsten subjektiven Belastung, den Herr Weber wählte, war sein sogenannter "Brainspot". Ich fragte ihn nun, wo im Körper die Belastung zu spüren war. Er nannte die Enge im Brustraum. Daraufhin forderte ich ihn auf, den Blick auf den Brainspot gerichtet zu lassen und die inneren Prozesse (Gedanken, Gefühle, Körperwahrnehmungen oder Erinnerungen) ohne Bewertung oder Erwartung zu beobachten: "Fühlen Sie, was von alleine auftaucht, was folgt und was danach kommt."

Herr Weber verfolgte seine innere Wahrnehmung wie die meisten Klienten zunächst ohne zu sprechen. Dann sagte er: "Ich bin jetzt im Keller, ich bin so vier oder fünf, es ist dunkel und kalt, und ich bin schon seit einer Ewigkeit hier eingesperrt." - "Sehr gut", bestärkte ich ihn, "beobachten sie weiter, was auch immer kommt." - "Ja", sagte er, "und dann eine ganze Weile zitternd und mit angstverzerrter Miene nichts mehr, "es ist meine Mutter, sie hat mich einfach da eingesperrt." Und ein wenig später: "Jetzt kommt sie und holt mich, sie tröstet mich, ... aha, ich wusste gar nicht, dass sie damals meine Angst tatsächlich gesehen und mich ganz lange getröstet hat."

Herr Weber holte tief Luft, das Zittern hatte sich beruhigt. "Jetzt wird es mir langsam wieder warm", sagte er erleichtert. Nachdem ich auch äußerlich eine deutliche Entlastung beobachten konnte, fragte ich ihn wieder nach dem Belastungsgrad, den er nun mit 0 angab.

Ich bat ihn: "Spüren Sie in sich hinein und steigern Sie den Grad der Belastung so stark Sie können. Und beobachten sie weiter den Brainspot. Wie hoch ist die Belastung jetzt?" - "Fünf, das ist doch eine total bescheuerte Erziehung gewesen, damals, so darf man ja nicht mal ein Haustier behandeln, es so lange einsperren." Wieder sank die Belastung auf Null.

Und selbst bei der Vorstellung, mit dem Auto durch einen Tunnel zu fahren, ging sie ganz schnell auf Eins zurück. Nun spürte er ein wohlig-warmes Gefühl im Körper, Ruhe und Wohlbefinden. Ich beobachtete, wie er sich auf seinem Stuhl aufrichtete und eine neue und bequemere Haltung einnahm. "Was bedeutet die Eins?", fragte ich. Er müsse nachher gleich mal durch diesen Tunnel fahren, gab er mir als Antwort.

Neurobiologische Hintergründe von Brainspotting

"Die tiefsten Regionen des Gehirns sind frei von Kognitionen, Sprache und Erfahrung. Sie beinhalten wissende, existentiell reagierende, instinktive Prozesse, Überlebensmechanismen, Reflexe und Aspekte unseres Körperbewusstseins. Hier ist der Ort, an dem wir tatsächlich leben und atmen. Viele Informationen aus dem Hirnstamm werden durch unser Bewusstsein fehlinterpretiert, schmerzliche Erfahrungen werden mit verschiedenen Verdrängungsmechanismen vermieden und führen so zu einer Konfusion und zu Krankheitssymptomen (...)". (David Grand)

Das Trauma im Körper. Unbewältigte Traumata behindern uns in unserer Entwicklung und in unserem emotionalen Fortkommen. Sie schneiden uns von uns selbst ab, von anderen, von der Natur und von unserer Seele (sogenannte Dissoziation). Das Ziel einer erfolgreichen Traumabehandlung ist eine Integration des Traumas, so dass sich für den Klienten neue Möglichkeiten im Hier und Jetzt eröffnen.

Stephen Porges (2005) nimmt in seiner polyvagalen Theorie Bezug auf drei voneinander unabhängige Hauptstufen der Reaktion auf Gefahr und Bedrohung, die sich im Laufe der Evolution aufeinander folgend entwickelten. Das Immobilisierungssystem, das über den dorsalen Vaguskomplex gesteuert wird, unterdrückt den Stoffwechsel und erzeugt bei einer Bedrohung eine von außen sichtbare Starre und Bewegungslosigkeit. Es initiiert damit den Totstellreflex. Die Integration auf somatosensorischer Ebene kann erreicht werden, wenn sich dieser durch das Trauma entstandene "freeze"-Zustand auflöst. Damit ist das Trauma auf Körperebene verarbeitet.

Hier setzt Brainspotting ein, indem es dem Organismus ermöglicht, über die Einbeziehung der somatosensorischen Ebene eine Auflösung der Symptomatik zu erreichen.

Das sympathische Mobilisierungssystem führt zur Erhöhung des Stoffwechsels durch den Sympathikus, um angesichts einer Gefahr im Sinne einer "aktiven Vermeidung" flüchten oder kämpfen zu können.

Die bindungsbezogene Reaktion auf Reize wird durch den ventralen Vaguskomplex gesteuert und ist nur bei Säugetieren zu finden. Dieser "soziale Vagus" kann Herz und Bronchien schnell regulieren, und den Organismus auf eine sichere Bindungssituation einstellen.

Der Hirnstamm gilt als die Verbindung zwischen Körper und Geist und zwischen Rückenmark und Groß- und Kleinhirn. Er verarbeitet und steuert grundlegende, überlebenswichtige Funktionen wie den Puls, die Atmung und den Blutdruck. Außerdem werden hier Reflexe wie Erbrechen, Niesen und Gähnen kontrolliert. Nahezu alles, was vom Körper ins Gehirn gelangt oder zurück, passiert dieses "Tor".

Über den Hirnstamm gelangen Emotionen, die sich auf körperlicher Ebene als reflexive Antworten auf interne und externe Stimuli ausdrücken, in die bewusste Erfahrungswelt. Zehn der zwölf Hirnnerven, die überwiegend für Sinneswahrnehmungen und Bewegungen im Kopf- und Halsbereich zuständig sind, entspringen dem Hirnstamm.

Der X. Hirnnerv, der Nervus vagus, nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Er spielt neben sensiblen motorischen Funktionen eine wichtige Rolle bei der Koordination der vegetativen Grundfunktionen. Neben der Tatsache, dass alle efferenten (ableitenden) sowie afferenten (zuführenden) Bahnen den Hirnstamm durchziehen, kommt hinzu, dass in enger anatomischer Nachbarschaft Kerne der Hirnnerven und Reflexbögen liegen. Letztere sind beispielsweise für die willkürliche und reflektorische Innervation der Augenmuskulatur zuständig. Dies lässt auf eine bedeutende, auf Reflexebene stattfindende, Mitbeeinflussung schließen und legt die Basis für die Erforschung von Brainspotting (aus: Ludwig-Trendel et al., 2009).

Brainspotting führt hinab auf die Ebene konditionierter Reflexe. Der Kern der Reflexsteuerung ist tief und unbewusst im Hirnstamm lokalisiert. Er liegt außerhalb unseres Bewusstseins ebenso wie die Atmung, der Blutkreislauf und das Verdauungssystem. Brainspotting legt die Auswirkungen des Traumas im Kern frei - das Symptom, die körperliche Belastung und die Verbindung zu dysfunktionalen Überzeugungen.

Brainspotting zur Auflösung von Blockaden

Der Brainspot kann als physiologischer Einstiegspunkt relativ schnell in diese tiefen assoziativen Strukturen des Gehirns und des Organismus eindringen. Identifizierbar ist er über die Augen und deren Nervenverbindungen zum Gehirn anhand von beobachtbaren für den Klienten unbewussten Reflexen, wie Zuckungen der Augen, Flattern, Fixierungen, Blinzeln, Stirnrunzeln, Schnauben, Schlucken, Gähnen, Lippenlecken oder Bewegungen der Extremitäten. Dazu fokussiert sich der Klient auf die Aktivierung eines Gefühlszustandes, um mit Hilfe von Erinnerungen ("Ich bin jetzt im Keller..."), Gefühlen und Reflexen sowie Köpersensationen immer tiefer in die Strukturen hineinzugehen, bis die blockierte Stelle erreicht wird ("Es ist meine Mutter.") und der Klient von dieser Blockade befreit werden kann.

Ebenso ist Brainspotting durch Einbeziehung der Körperebene in der Lage, direkte Wirkung auf die in BSP-Prozessen oft zu beobachtenden Reaktionen des Verdauungssystems (u. a. Übelkeit, Magendruck, verstärkte Peristaltik etc.), dessen Nervensystem in nahezu alle psychischen Vorgänge involviert ist, zu erzielen.

Unterstützend kann zusätzlich im Rahmen einer Brainspotting-Sitzung eine bilaterale alternierende akustische Stimulation mit Hilfe von Kopfhörern eingesetzt werden. Diese kann zur Anregung von Informationsprozessen sowie einer wechselseitigen Stimulierung beider Hemisphären dienen. Auch der Effekt, dass der Klient im Sinne der doppelt fokussierten Aufmerksamkeit damit besser im Prozess der Verarbeitung bleiben kann, konnte schon oft beobachtet und genutzt werden.

Anwendungsrelevanz der Methode

Bei der Behandlung von Traumata ist nichts wertvoller als die therapeutische Beziehung. Nichts kann für den Klienten die Erfahrung einer sicheren und vertrauensvollen Beziehung, in der er sich verstanden und akzeptiert fühlt, ersetzen. Mit Brainspotting existiert ein Mittel, innerhalb dieser therapeutischen Beziehung Erfahrungen und Symptome, die jenseits des bewussten sprachlichen Zugriffs liegen, neurobiologisch zu lokalisieren, zu fokussieren, zu verarbeiten und schließlich aufzulösen.

Therapeuten, die BSP und EMDR regelmäßig anwenden, berichten häufig, dass Brainspotting einfacher, fokussierter und vor allem auch schonender wirke. Dies, weil die dissoziative Barriere weitgehend unangetastet bleiben kann. Im Gegensatz zu EMDR vermeidet BSP durch die gezielte Fokussierung des einzelnen Belastungspunkts eine Streuung und ermöglicht dadurch eine effiziente Bearbeitung eingegrenzter Themen.

Brainspotting als physiologisches therapeutisches Instrument kann problemlos in eine Reihe von unterschiedlichen Behandlungsansätzen integriert werden. Es bietet einen neurobiologischen Zugang zu verschiedenen somatischen oder emotionalen Problemstellungen. Es ist ein wirkungsvolles Instrument für die Behandlung körperlicher, sexualisierter oder emotionaler Traumatisierung, zur Unterstützung der Rehabilitation nach Unfalltrauma, bei Trauma nach medizinischen Eingriffen, bei Stress und traumabezogenen somatischen Erkrankungen.

Literatur

Homepage Institut für Traumatherapie: www.traumatherapie.de, Stand 11.03.2010

Ludwig-Trendel, C., Knorr, C., Wieland-Horn, C. (2009). Brainspotting Teil 1. Das Manual zur Ausbildung.

Porges, S. (2005). Neurozeption - die drei Regelkreise des Autonomen Nervensystems. www.somaticsacademy.de. Übersetzung ins Deutsche: Urs Honauer (www.polarity.ch) Juni 2005

Power, K., McGoldrick, T., Brown, K. et al. (2002). A Controlled Comparison of Eye Movement Desensitization and Reprocessing versus Exposure Plus Cognitive Restruction versus Waiting List in the Treatment of PTSD. Clinical Psychology and Psychotherapy, 9, 299-318.

Rudolf, G. & Schulte, D. (2006). Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der EMDR-Methode (Eye-Movement Desensitization and Reprocessing) zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung.

Schneider, Achim G. (2009). Seelische Wunden lassen sich heilen. In: Apotheken Umschau/GesundheitPro; 17.08.2009 http://www.apotheken-umschau.de/Psyche/Traumatherapie-Seelische-Wunden-lassen-sich-heilen-A090817KESOQ121228.html

Schubbe, O. (2009). "Eye-Movement Desensitization and Reprocessing" (EMDR). In A. Maercker (Hrsg). Posttraumatische Belastungsstörungen (S. 285-300). 3. Aufl. Heidelberg: Springer.

Van Etten, M.L., & Taylor, S. (1998). Comparative Efficacy of Treatments for Post-traumatic Stress Disorder: A Meta-Analysis. Clin. Psychol. Psychother. 5, 126-144.

Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie. Gesehen unter http://www.wbpsychotherapie.de/page.asp?his=0.1.17.55.56&all=true (6. Juli 2006)



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