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Dagmar Eckers
Dissoziative Störungen bei Kindern und Jugendlichen - Diagnostik, therapeutische Herausforderungen und Techniken

Bei traumatischen Ereignissen kann es bei Kindern und Jugendlichen zu Dissoziationen kommen, die die psychische Abwehrfunktion haben, traumatische Reize nicht so intensiv wahrzunehmen.

Dies hat zwar eine Schutzfunktion, aber gleichzeitig kann so das traumatische Erlebnis nicht vollständig in das Bewusstsein integriert werden. Deshalb kann es zu einer PTBS kommen, da auf Grund der Nicht-Integration verschiedene Reize ausreichen, um das Trauma neu auslösen zu können.

Dissoziative Symptome bei Kindern und Jugendlichen lassen sich unterteilen in extern zu beobachtende und interne, die sich über Selbstauskünfte erschließen lassen. Über Checklisten, Gespräche und Tests lassen sich Symptome wie Halluzinationen, fragmentierte Erinnerungen, Verwirrungen über die eigene Identität, Trancezustände, Gefühle von Geteiltsein sowie posttraumatische Belastungssymptome ermitteln. Symptome, die man beobachten kann und die meistens von Eltern benannt werden, sind Leugnen von Verhaltensweisen, autoaggressives Verhalten, impulsive Aggression, dysfunktionale Affektregulationen sowie ebenfalls Trancezustände.

Auf Grund dieser komplexen Symptomatik und des variablen Verlaufs werden Symptome von Eltern oft fehlinterpretiert, was die Diagnostik dissoziativer Störungen bei Kindern erschwert. Hinzu kommt, dass traumatische Erfahrungen je nach Lebensalter des Kindes unterschiedliche Auswirkungen haben. Auch bei Säuglingen und sehr kleinen Kindern kann es zu Überreaktionen kommen, bei denen vermehrt endogene Opioide ausgeschüttet werden.

Ein kleines Kind verfügt noch nicht über Kampf-Flucht-Reaktionen, somit erhöht sich das Risiko einer Dissoziation. Je kleiner Kinder sind, desto eher reagieren sie bewusstseinsspaltend auf Bedrohungen. Ab dem achten Lebensjahr reagiert das Kind eher überreizt und die Symptome sind deutlicher.

In Anlehnung an Kluft entwickelte Joy Silberg die 4-Faktoren-Theorie in Bezug auf Kinder, die erklärt unter welchen Bedingungen eine dissoziative Identitätsstörung entsteht. Es muß die biologische Fähigkeit vorhanden sein, zu dissoziieren. Gleichzeitig brechen alternative nicht-dissoziative Abwehrstrategien zusammen, sodass nur auf dissoziative zurückgegriffen werden kann. Durch Umwelteinflüsse und das Weiterbestehen eines Traumas werden dissoziative dysfunktionale Muster verstärkt.

Wenn das Kind nicht vor weiteren Traumatisierungen geschützt wird, entwickelt sich eine dissoziative Identitätsstörung. Mit zunehmenden Alter ähneln die Symptome immer stärker denen von Erwachsenen.

Charakteristische Erscheinungen bei Kindern sind regressive Verhaltenstendenzen wie z.B. Einnässen, Nuckeln und Trennungsängste, die sich so äußern, dass Kinder bei ihren Eltern im Bett schlafen wollen und sie nicht mehr aus den Augen lassen können. Einzelne Aspekte des Traumas sowie traumaspezifische Neuinszenierungen werden oft im Spiel ausgedrückt.

Ziel der Therapie ist es, Kindern zu helfen, das traumatische Erlebnis in das Bewusstsein zu integrieren und ihnen das Gefühl zu geben, dass die traumabezogenen Gefühle abschwächen können. Zur Stabilisierung eignen sich imaginative Verfahren wie z. B. der sichere Ort oder die Tresorübung.

Zur gezielten Förderung von Ressourcen wird die Screentechnik angewendet. Dabei können Erinnerungen auf einem imaginären Bildschirm distanziert wahrgenommen und integriert werden. Durch die Möglichkeit einer Selbststeuerung mittels einer Fernbedienung kann eine kontrollierte Traumaverarbeitung gefördert werden.