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Michael Meusers

Neurobiologie des Traumas (2001)
Versuch eines theoretischen Erklärungsmodells

Definition Trauma:
- Gefahr, Bedrohung
- Gefühl der Hilflosigkeit, keine Bewältigungsstrategie

Folge:
Keine präzise Erinnerung in den Bereichen
- Zeitablauf
- Ereignisfolge
- Ereignisumfang

Therapie durch EMDR:
Ohne "neue" Information,
- Zugang zu den Inhalten, nach Zeit, Reihenfolge und Vollständigkeit
- Zugang zu den Emotionen und ihre Kontrolle
- Fähigkeit der Abgrenzung zu Erfahrungen, die dem Trauma ähnlich sind

Eine Theorie, die auf Daten basiert aus dem Bereich der Neurobiologie und die das Erscheinungsbild des Traumas und seine Behandlung verständlich machen kann, soll versucht werden in Grundzügen zu formulieren, in der Hoffnung, das sie die Behandlungsideen befruchtet.

Neurobiologische Gesichtspunkte:
Wahrnehmungsmuster werden nach verschiedenen Qualitäten (modular) abgebildet, z.B. optischer Eindruck: unterschiedliche Zellverbände für:
- Form
- Farbe
- Richtung einer Bewegung
- Geschwindigkeit.

Dabei ist z.B. Formerfassung differenziert nach einfachen Grundformen, häufig wiederkehrenden komplexen Formen wie z.B. Silben oder ganze Worte. D.h. Erkennen von Schrift ist ein komplexer Vorgang, und auf dem Boden von Musterentladung einzelner Kerngebiete für einzelne Eigenschaften von Schrift kommt es zu weiteren Entladungsmustern höherer Ebene, die Silben, Schrift-bilder oder komplexe Formen wiedergeben.

Aufgabe des Frontalhirns:
Es bildet aus zahlreichen Musterwahrnehmungen unterschiedlichster Modalitäten, optisch, akustisch, taktil Entladungsmuster, die Risiken, Gefahren, soziale Beziehungen wiedergeben, Voraussetzung für Zeiterleben sind und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abbilden. Das Frontalhirn ist damit ein übergeordnetes Kerngebiet, welches ganz unterschiedliche Wahrnehmungs-inhalte, Bedeutung über Zeit und Folgewirkungen gibt und damit z.B. für Symbolverständnis von zentraler Bedeutung ist.
Seine Hauptaufgabe: es bremst andere Kerngebiete wie z.B. Motorik (Myros Praezentralis, Emotionen: Amygdalon).
Das Frontalhirn ist der jüngste Teil unseres Gehirnes und damit in hohem Maße empfindlich gegenüber "ungewöhnlichen" Entladungsmustern. Z.B. Epilepsie und Trauma? Das Kleinhirn ist eines der ältesten Kerngebiete und im Rahmen der Steuerung von Motorik so hoch entwickelt, dass es z.B. nicht mehr Ort der Epilepsieentstehung ist. Das Frontalhirn dagegen entwickelt nach Traumen häufig eine Epilepsie, und diese ist außerdem häufig therapieresistent, sie zeigt sich in z.B. gestischen Bewegungen.

Prinzip der gewichteten Synapsen:
Ein gleiches Wahrnehmungsmuster z.B. Buchstaben führt nach wiederholter Wahrnehmung zu einer Spezialisierung von Zellen, die sich bei diesem spezifischen Wahrnehmungsmuster entladen, während die restlichen Zellen in ihrer Entladung gebremst werden. Diese Spezifizierung der Zellen erfolgt über Gewichtung von Synapsen einerseits und Hemmung der Entladung in der Umgebung eines solchen synaptisch gewichteten Zellverbandes. Damit entsteht eine mehr oder weniger feste Beziehung zwischen typischen Wahrnehmungsinhalten einerseits und dazu typischen Entladungsmustern andererseits.
Es gibt schnelle Gewichtung z.B. deklaratorisches Kurzzeitgedächtnis im Hypocampus um den Preis einer auch schnellen Löschung. Es gibt langsame Gewichtung um den Preis häufiger Wahrnehmung des gleichen Musters als Voraussetzung der Gewichtung, aber auch um den Gewinn einer Langzeitspeicherung mit dem Problem schwer umzulernen.
(Träumen bedeutet vermutlich das Umspeichern von Kurzzeitspeichern in Langzeitspeichern. Eine weitere wesentliche Beeinflussung der Speichereigenschaften eines Zellverbandes sind die modulierenden Überträgersubstanzen, z.B. Noradrenalin, Dopamin, Serotonin.

Eine besondere Bedeutung hat dabei möglicherweise Cortisol, welches offensichtlich den Vorgang der Gewichtung beschleunigt. (Modell der Suchtentstehung an Ratten: unter etwas erhöhtem Cortisolspiegel wird ein emotionaler Eindruck rasch und dauerhaft gespeichert, d.h. Einnahme von Drogen im Kontext angenehmer Gefühle wird nach wenigen Erfahrungen dauerhaft gespeichert und damit stabiles Suchterleben generiert, während Einnahme von Morphin verknüpft mit Schmerzen und ohne angenehme Gefühle ohne Suchtbedürfnis gespeichert wird, evaluiert an Ratten und Basis der Entwicklung eines neuen Therapiekonzeptes)

Damit ergibt sich theoretisch der Ablauf eines Traumas:

  1. Das Erlebnis eines hochbedrohlichen Inhaltes bedeutet ein Wahrnehmungsmuster wird frontal als gefährlich erkannt und führt ohne bremsende Funktion des Frontalhirns (Gefühl der Hilflosigkeit?) zu einem zunehmenden frontalen Entladungsmuster.
  2. Ein (mir nicht bekannter) Mechanismus führt zu einer Unterbrechung frontaler Entladung wobei die Wahrnehmungsinhalte in den übrigen Kerngebieten weiterhin abgebildet werden, insbesondere auch im Thalamus. Die gute Speicherung der Inhalte mag hierbei auch durch die erhöhten Stresshormone insbesondere Cortisol im Blut bewirkt werden.

    Grundsätzlich führt eine unphysiologisch hohe Konzentration von modulierenden Überträgersubstanzen nach einiger Zeit zu einer Rarifizierung der Rezeptorendichte (Prof. Hüther Verabreichung von Dopamin, Wirkung von erhöhten Dopaminspiegeln im Frontalhirn an Ratten).
    Hierbei führt möglicherweise grundsätzlich (an Tiermodellen gezeigt) von hohen Spiegeln von Stresshormonen zu einer Minderung der Rezeptorendichte mit den Folgen, dass später geringe Konzentrationen eine höhere Wirkung haben (?) und die Modulationsfähigkeit sinkt. (Wirkung von Kokain auf den postsynaptischen Dopaminrezeptor und Überstimulation sowie Energieverarmung der Zelle).

    Die Bremsung frontaler Repräsentation ist sinnvoll unter dem Aspekt, das Frontalhirn zu schützen um den Preis, für das vorhandene Entladungsmuster keine übergeordnete Repräsentation zu haben.

Neurobiologisch bewirkt EMDR zwei konkurrierende Vorgänge:

  1. Das Trauma wird in Teilen wieder aktualisiert, verknüpft mit einer positiven Selbstbeurteilung
  2. Dieser Vorgang wird durch eine seitenwechselnde Stimulation rhythmisch unterbrochen, da Wahrnehmungsinhalte grundsätzlich in ihren verschiedenen Modalitäten auf beiden Seiten des Gehirns repräsentiert werden, muss auch die Unterbrechung seitenwechselnd sein. Traumainhalt / Traumamuster einerseits und seitenwechselnde Stimulation andererseits konkurrieren in der Verarbeitung. Das Frontalhirn ist vermutlich nur dann bremsend aktiv, wenn gleichzeitig auch "Sicherheit" repräsentierende Zellverbände mit erregt werden. Therapie im sicheren Raum, mit sicherem Ort, mit positiver Selbstbewertung?